Branchen, Produkte und Technologien

Über die Zeiten hinweg waren eine Vielzahl von Handwerkszünften, Wirtschaftszweigen und Industriebranchen prägend für die Region.
Hier wurden aber auch ganz spezielle Technologien, Verfahren und Produkte entwickelt, auf die hier im Einzelnen eingegangen werden soll.
Und oft wurde das Ulmer Münster zum Firmen-Logo oder als markante Werbung eingesetzt.

Die einzelnen in der Region um Ulm vertretenen Industriegruppen, Branchen und Branchensegmente werden in den folgenden Themenfeldern näher beleuchtet.
Nach einem kurzen Überblick über ihre Entstehung und Entwicklung in den Anfangsjahren der Industrialisierung werden auf Registerkarten alle nennenswerten Vertreter der Branche stichwortartig vorgestellt.
Sofern die genannten Unternehmen heute noch bestehen und sich im Internet Webseiten zu den Unternehmensgeschichte oder deren Produkte finden lassen gelangt man über → externe Links direkt dort hin um sich weiter informieren zu können.

Ziel dieses Verzeichnisses ist nicht die detaillierte Darstellung einzelner Firmen sondern der charakterisierende Überblick über die industrielle Struktur der Stadt bis zu deren Umbau zum Wissenschafts- und Innovationsstandort von heute.





Technik aus Ulm


Die Grundzüge der industriellen Entwicklung Ulms

Prägend für das wirtschaftliche Leben der Stadt war über Jahrhunderte deren geografische Lage inmitten eines von der Landwirtschaft dominierten Gebiets in dem sich mehrere bedeutende überregionale Verkehrswege kreuzten.
Der frühere Wohlstand der Ulmer Bürgerschaft begründete sich daher neben der Versorgung des lokalen und regionalen Marktes mit Waren aus handwerklicher Produktion in hohem Maß aus dem Fernhandel mit Salz, Wein, Holz und Textilgewebe, namentlich dem Barchent.

Die für eine industrielle Entwicklung typischen Standortfaktoren wie Rohstoffe (Erze, Kohle usw.) oder ein günstiger Arbeitsmarkt fehlten weitgehend. Gewerbliche Arbeitskräfte waren hier immer schon Mangelware und teuer. Als Energiequelle stand nur die Wasserkraft der Blau zur Verfügung. Nach einer Aufstellung der Landesbehörden von 1858 waren deren 347 PS Leistung jedoch schon durch die → Ulmer Mühlen und Brunnenwerke nahezu vollständig ausgenutzt.
Eine Produktionssteigerung war folglich nur mit Hilfe der Dampfkraft möglich. Anfangs diente zunächst Holz als Brennstoff. Als dessen Preise zur Mitte des 19.Jh. um 30-40% stiegen kam oberschwäbischer Torf zum Einsatz. Erst die stark gesenkten Frachtraten bei der Eisenbahn erlaubten später auch in Schwaben den Umstieg auf Kohle.
In dieser frühen Phase der Industrialisierung profitierte der Standort auch nicht von staatlicher Initiative, also der Ansiedlung von Staatsunternehmen (wie andernorts z.B. die königl. Hüttenwerke oder Porzellan-Manufaktur), oder von Gründungen auswärtiger Investoren. Es gab auch kein geeignetes Bankenwesen mit dem größere Unternehmungen finanziert werden konnten. Der Geldbedarf zum Auf- und Ausbau eines Betrieb musste privat beschafft werden.

Diese äusseren Rahmenbedingungen, hohe Energiekosten, hohes Lohnniveau, kaum Rohstoffe und schlechte Infrastruktur, zwangen die Unternehmen in Wüttemberg zu einem hohen Mechnisierungsgrad sowie zu einer Steigerung der Produktivität durch Massenfertigung und Bildung von Fabriken.
Dabei lässt sich für viele Betriebe lange nicht eindeutig festlegen, wie weit sie noch dem Handwerk zuzuordnen sind. Die in Folge der württembergischen Gewerbeordnung von 1828 erteilten Konzessionen und aufgestellten Fabrikordnungen können hier nicht immer als Kriterium dienen.
Der beinahe schon inflationär verwendete Begriff "Fabrik" sollte Assoziationen von einer besonders produktiven Herstellungsweise, einer hohen Qualität und von überregionalem Renommee erwecken. Er diente daher, ähnlich wie die bei den damals zahlreichen internationalen Ausstellungen errungenen Medaillen, oftmals nur zu Werbezwecken, sagte aber nicht viel über die Betriebsstruktur aus.
(z.B.
→ A. Mayers Blumenfabrik
, Ehingerstr. 1, Anzeige v. 1886 )

Bis um ca. 1870 orientierte sich die heimische Wirtschaft am regionalen Binnenmarkt, konnte danach durch geänderte zoll- und wirtschaftspolitische Verhältnisse aber den deutschen und den internationalen Markt erobern.
Vor allem die Eisenbahn förderte die hier wirtschaftliche Entwicklung.
Beginnend mit den Webereien von
→ Joh. Georg Krauß
(1857) und → Steiger & Deschler (1868), einer Dampfziegelei (
→ A.Bach
) am Galgenberg und der Bildung von Großbrauerein (→ Das Ulmer Brauwesen) entstanden nacheinander Messingfabriken (neben Wieland u.a.
→ A.Schöllkopf
), mehrere Eisengießereien (→ Hüttenwesen und Halbzeuge) und auf landwirtschaftliche Geräte und Brauerei-Apparate ausgerichtete Maschinenfabriken (→ Fahrzeugbau und → Maschinen- u. Apparatebau).
National und international konkurenzfähig wurden in den 1880er Jahren die Musikgeräte-Hersteller
→ E.Hinkel
und
→ L.Simon
, die Hutfabrik von
→ F.Mayser
, die Turmuhrenfabrik
→ Philipp Hörz
und natürlich die Feuerwehr-Gerätefabrik von
→ C.D.Magirus
.

Im Blautal bildete sich eine umfangreiche Zementindustrie aus. Die verbliebenen Webereien auf der Alb und im Illertal konnten sich festigen (
→ Pichler
in Laichingen,
→ Walker
in Rottenacker und
→ Otto
in Dietenheim) und auch im Umland entstanden neue mechanische Fabriken (z.B.
→ Hummel
in Ehrenstein).
Gleich mehrere Fabriken in Neu-Ulm widmeten sich der Besen- und Bürstenherstellung
(→ Bürsten-, Pinsel- u. Besenfabriken).

In Ulm wurde eine weitere Ansiedelung von Betrieben jedoch durch das sog. Baurayon-Regulativ gehemmt, einer starken Einschränkung der Bebauung von Flächen im Vorfeld der Bundesfestung, das die Bundesversammlung 1860 erlassen hatte. Erst durch den Kauf der Wallanlagen durch die Stadt im Jahr 1903 war die Ausweisung neuer Wohn- und Industriegebiete ausserhalb der alten Stadtmauern möglich.
Der Bau des Ost- und des → Westgleises ab 1906 und die vom damaligen Oberbürgermeister Heinrich Wagner weitblickend geförderte Verlegung von Betrieben aus der engen Altstadt in diese neuen Stadtteile brachten der Wirtschaft starke Entwicklungsmöglichkeiten.
Auf diese Zeit geht auch die heute noch vorbildliche Bodenpolitik der Stadt zurück.

Die neuere Geschichte ist dann geprägt von den bekannten Großbetrieben Magirus, Kässbohrer, Wieland, Eberhardt etc. aber auch von Unternehmen, die man heute als hidden Champions bezeichnen würde, wie die Werkzeugmaschinenfabrik → Ott, die Schraubenfabrik
→ Fervor
oder die Fabrik für Ladeneinrichtungen
→ Wolff
.

Aber auch in der Ost- und der Weststadt stießen die Betriebe bald an ihre räumlichen Grenzen. Zudem wurde zunehmend das Nebeneinander von Wohnbebauung und störendem Gewerbe zu einem Problem. Die Stadt suchte daher schon zu Beginn der Wirtschaftswunderjahre ab 1950 nach Ausweichflächen und fand diese im Donautal südlich von Grimmelfingen.

Nach einer einschneidenden Krise in den 1980er Jahren wird die Wirtschaftskraft der Region inzwischen nicht nur vom traditionell breiten Branchenmix der Industrie sondern auch von einer ebenso breit gefächerten Wissenschafts- und Forschungslandschaft getragen.

In dieses Verzeichnis wurden auch Firmen aufgenommen, die nach heutigem Maßstab hinsichtlich Arbeitsteilung, Mechanisierung und Automatisierung nicht zu den Industriebetrieben zu zählen wären.
Entscheidend für die Nennung war in diesen Fällen ihre Bedeutung für die regionale Wirtschaft (sichtbar z.B. in entsprechenden Geschäftsanzeigen), eine hinreichende Dauer des Bestehens des Unternehmens und die Absicht, die historische Entwicklung der Branchen nachverfolgbar zu gestalten.



spezielle technik- und industriegeschichtlichen Themen im Internet


Das Landesarchiv Baden-Württemberg bietet in seinem Portal Landeskunde entdecken online (leo-bw.de) statistisches Kartenmaterial u.a. zum Themenkomplex Verkehr und Wirtschaft.
Das Beiwort zur Karte 11,6 Anfänge der Industrie in Baden und Württemberg 1829/1832 von Ute Feyer gibt einen Überblick über die Bedeutung der einzelnen Industriegruppen zur Zeit ihrer Entstehung.
-» Download bei leo-bw.de




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