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Ulms Industriegebiete und Industriegleisanlagen

Ulm war schon vieles, Herrschersitz der Staufer, stolze und freie Reichsstadt mit einem eigenen Territorium, größer als manches Fürstentum, zentrale Handelsmetropole, Verkehrskonten zwischen dem Rheinland und Italien, neben Genua und Venedig ein bedeutendes Zentrum mittelalterlicher mathematischer Forschung und wichtige Garnisonsstadt des Deutschen Reichs.
Zum heutigen Mittelpunkt einer von Dienstleistungen und technischen Innovationen gegprägten Region wurde Ulm erst nach einer Phase des Niedergangs als Standort einer traditionsreichen Fahrzeug- und Elektro-Industrie.

Mit dem Begriff Industrie bezeichnet man einen Wirtschaftszweig, der sich mit der fabrikmäßigen Produktion von Gütern befasst. Fabrikmäßig bedeutet dabei nach einer Definition aus der Reichsgewerbeordnung von 1869, dass die Herstellung der Ware nach dem Prinzip der Arbeitsteilung und mit Hilfe "elementarer Betriebskräfte", also mit Maschinen, erfolgt.
Zur Abgrenzung gegenüber Handwerksbetrieben, die schon viel früher nach ähnlichen Grundsätzen arbeiteten (Müller, Weber u.a.) galt zur Definition einer Fabrik, dass diese mindestens 20 Arbeitskräfte zu beschäftigen und eine "Fabrikordnung" aufzustellen hatte, in der die Pflichten (weniger die Rechte) der Arbeiter festgeschrieben wurden.

Im Vergleich zu anderen großen Städten tat sich Ulm mit dem Aufbau einer eigenen industriellen Sruktur schwer. Als hier die ersten Betriebe gegründet wurden, die man dieser Wirtschaftsform eindeutig zuordnen kann, war die Eisenbahn schon da und setzte ihre eigenen Schwerpunkte im Stadtbild.
Das erste Gaswerk und die erste Anlage zur Erzeugung elektrischen Stroms dienten der Versorgung des Bahnhofs.
Der Gütertransport verlagerte sich vom Schiff auf die Bahn, entsprechend wandelten sich auch die Güterumschlagplätze. Genügte es anfangs noch, die zu versendenden Waren zum Bahnhof zu bringen, erkannte besonders der weitsichtige Bürgermeister Heinrich v. Wagner, dass sich Industrie und Gewerbe besonders gut dort entwickelt, wo die Bahn zum Kunden kommt. Unter seiner Regie entstanden die Industriegebiete mit eigenem Bahnanschluß.

Die vor- und frühindustrielle Zeit
Als erste vor- und frühindustrielle Betriebe, die in größerem Umfang Maschinen einsetzten, sind → Mühlen zu betrachten, die in Ulm hauptsächlich entlang der Blau entstanden. Mit deren Wasserkraft wurde nicht nur Getreide gemahlen. Es gab Säge-, Schleif- und Walkmühlen, in Pulvermühlen wurde Schwarzpulver und in Papiermühlen das Papier für die Ulmer Buchdrucker hergestellt.
Der → Ulmer Mühlen Weg beschreibt auf einer Länge von rund 5 Km die Geschichte von 22 Ulmer Mühlen, die, wie z.B. der Schwenk'sche Kupferhammer oder die Tabakmühlen von Bürglen und Wechsler, die Basis für die Industrialisierung Ulms geschaffen haben.

Die Erfindung der mechanischen Webmaschinen wirkte sich auch auf die Leinenweberei in und um Ulm aus. Leinen hatte inzwischen das Barchent, das im Mittelalter wesentlich zur Blüte der Stadt beigetragen hat, abgelöst. Bis zur Erfindung der Dampfmaschine waren die Webereien aber noch auf die eigene menschliche Arbeitskraft oder den Antrieb durch Mühlen angewiesen. Die Leinenweber auf der Schwäbischen Alb waren bald nicht mehr konkurenzfähig, große mechanische Webereien konnten nur dort bestehen, wo sie in alte Mühlen moderne und wirtschaftlichere Turbinen einbauen konnten.

Mangels anderer Energiequellen entstanden also die ersten Fabriken in den Mühlen, wobei sich sehr bald ein Konkurrenzkampf um die besten Standorte auch ausserhalb der Stadtmauern entwickelte. Philipp Jakob Wieland erwarb die
→ Bochslersmühle
um darin sein Messingwerk zu errichten, musste aber bald auf eine Mühle an der kräftigeren Iller in Vöhringen ausweichen.
J.G.Kraus verkauft die von ihm zu einer mechanischen Werkstatt umgebaute
→ Spitalmühle
an Wieland und zieht ebenfalls an die Iller nach Senden-Ay.
Die
→ Papiermühle
am östlichen Stadtgraben wird zur Keimzelle der Pflugfabrik Eberhardt, in der Söflinger
→ Dorfmühle
richten Ulrich Steiger und Albert Deschler eine Weberei ein.
Andere Mühlen werden mehrfach umgebaut und dienen wie die Söflinger
→ Stampfe
oder der
→ Kupferhammer
der Zementherstellung.

Einen vergleichsweise hohen Mechanisierungsgrad wiesen in der vorindustriellen Zeit auch die → Brauereien auf. Kamen einfache Maschinen anfangs überwiegend in den angeschlossenen Mälzereien zur Anwendung, erkannte man sehr bald den Nutzen der Dampfmaschine für den Antrieb von Kühl-Kompressoren, Rührwerken, Pumpen, Schrotmühlen und anderen Aggregaten. Als wirtschaftlich starke Unternehmen konnten sich die Brauerein die Anschaffung dieser Dampfmaschinen als eine der Ersten leisten.

Das produzierende Gewerbe war aber noch über die ganze Stadt verteilt, die Standorte richteten sich nach den traditionellen Schwerpunkten der früheren Zünfte.

Die Entwicklung der einzelnen Industriegebiete
Der Begriff Industrie ist im geschichtlichen Kontext nicht eindeutig definiert. Es gibt lediglich eine Reihe von Faktoren, die, wenn sie in einer gewissen Ausprägung vorliegen, es erlauben von Industrialisierung zu sprechen. Entsprechend uneindeutig ist auch die Bestimmung eines Industriegebiets in den vor- und frühindustriellen Zeiten.

Wir interpretieren hier ein Industriegebiet als planmäßige Ansiedelung von mehreren Fabriken, die ihren Ursprung nicht in einer Mühle oder einem schon bestehenden zünftigen Handwerksbetrieb haben sondern in Folge des technologischen Fortschritts ausserhalb des mittelalterlichen Stadtkerns neu gegründet wurden.



Die Industrie verliert ihre Führungsrolle
Mitte der 1970er Jahre bereitete die starke industrielle Ausrichtung der Stadt erhebliche Probleme. Im Fahrzeugbau wurden viele Stellen gestrichen, im Bereich Elektrotechnik sorgte die Schließung des Videocolor-Werkes für Aufsehen. Dennoch entstanden in dieser Zeit weitere, zumeist kleinere Gewerbegebeite.
In Böfingen war die Erschließung des Bereichs um die Eberhard-Finck-Straße schon weitgehend abgeschlossen.
In Wiblingen entstand neben der Raiffeisenstraße ab 1977 ein Gewerbegebiet im Schulze-Delitzsch-Weg.
In Jungingen erweiterte man das 1970 begonnene Industriegebiet am Hörvelsinger Weg 1976 mit dem Franzenhauserweg und 1985 mit dem Buchbrunnenweg nach Norden und auch das kleine Gewerbegebiet in Einsingen, in das während der Kriegszeiten die weltbekannte Firma Kodak aus Berlin kurzzeitig ihren Firmensitz verlegt hatte, bekam nach 1970 Betriebe am Lämmerweg dazu.

Die Ausweisung von Gewerbeflächen innerhalb des Stadtgebiets wurde immer schwieriger. Inzwischen wird der Wirtschaftsstandort durch den Stadtentwicklungsverband Ulm/Neu-Ulm in Kooperation mit den umliegenden Gemeinden Blaustein, Dornstadt, Elchingen und Nersingen vermarktet.

Die Abkehr vom reinen Industriestandort zur heutigen "Innovationsregion" erfolgte dann mit der Ausweisung eines Sondergebiets am Oberer Eselsberg zur →"Wissenschaftsstadt" im Jahr 1986.

Die Industriegleisanlagen der Stadt Ulm
Wo Waren industriell hergestellt werden ist die Anlieferung von Rohstoffen, Halbfertigprodukten und Energierägern sowie der Versand der fertigen Produkte an die Abnehmer in Nah und Fern ein wichiges Thema.
Bis in die 1960er Jahre war das Haupttransportmittel hierfür die Bahn.

Die Ulmer Stadtverwaltung hat bei der Ausweisung ihrer Industriegebiete auch hier frühzeitig die Initiative ergriffen und unter der Regie des Tiefbauamtes schon bei der Planung der Industriegebiete eigene Gleisanlagen vorgesehen anstatt den Bau von Anschlußgleisen privatwirtschaftlichen Interessen zu überlassen.
So entstand ein Netz von Industriegleisanlagen, die heute noch von den Stadtwerken Ulm SWU als Infrastrukturunternehmen betrieben werden.

Ostgleis
Donautal
Neu-Ulm

Wohnen in frühindustriellen Zeiten

Wohnen und Arbeiten gehörte bis in die Neuzeit untrennbar zusammen. Eine deutliche Trennung in reine Wohn- und Industriegebiete fand erst während des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit und mit dem Bau von Wohnungen für Ausgebombte und Flüchtlinge ab den 1950er Jahren statt.
Die vor dem 1.Weltkrieg neu eingerichteten Industriegebiete, besonders die Ost- und Weststadt, weisen daher neben den reinen Fabrikbauten auch zahlreiche wohnbauliche Merkmale auf. Eine Differenzierung deutet sich in einzelnen Siedlungs-Schwerpunkten allerdings schon an.


Die Wohnkultur in der Stadt war bis in die Neuzeit geprägt von zünftigen Strukturen. Angesehene Zunftmeister lebten in den gleichen Stadtvierteln und Straßenzügen wie nahezu mittellose Angehörige ihres Gewerbes. Wohlhabende Kaufleute errichteten repräsentative Stadthäuser und brachten die für sie arbeitenden Beschäftigten in rückwärtigen Anbauten oder Dachstuben unter.


Weder Arm noch Reich konnte sich den Umwelteinflüssen des jeweils bewohnten Stadtviertels entziehen. Nicht nur bei den Metzgern und Gerbern stank es, rund um die Getreide- und Sägemühlen war es staubig und bei den Schlossern, Schmieden und in der Nähe der Tabakmühlen war es laut. Wer, wie die Kaufleute, Buchbinder, Hafner und Pfeifenmacher, einem nicht weiter störenden Beruf nachging mied als Wohnstätte möglichst die Gegenden bei der Blau, deren Wasser Maschinen anzutreiben und Abfälle wegzuschwemmen hatte.

Die ab 1610 für Stadtsoldaten auf die alte Stadtmauer gebauten Grabenhäuser und das Seelhaus für Arme und Kranke brachten eine erste Konzentration einzelner Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen.


Mit dem Strukturwandel der Gesellschaft zur Mitte des 19.Jh. und dem Übergang von der Ständeordnung zur Klassengesellschaft wandelten sich dann auch die Wohnbedürfnisse und -verhältnisse.
Von Staatsdienern und ihren Familien wurde eine sittlich-moralische Distanz zum gemeinen Volk und eine auch ausserhalb der Arbeitszeit zu zeigende Identifikation mit den Zielen und Werten des Dienstherren erwartet, die durch eine Unterbringung in geschlossenen Wohnanlagen gefördert werden sollte.
Gewerbetreibende und Kaufmänner, denen es gelungen war, sich durch wirtschaftlichen Erfolg von den Zunftgenossen abzuheben, sowie das aufkommende Bildungsbürgertum strebten gehobenere Wohnverhältnisse im neu enstandenen Grüngürtel jenseits der alten Stadtmauern an. Und auch die Arbeiterschaft bildete ein wachsendes Klassenbewusstsein aus, in dem über gemeinsam finanzierten Wohnraum versucht wurde, die Lebensverhältnisse des Einzelnen zu verbessern.


Die mit der Industrialisierung einher gegangene wohnbauliche Veränderung der Stadt wird heute noch an vielen Stellen deutlich.





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