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Wohnen in frühindustriellen Zeiten


Die ersten Arbeitersiedlungen in Ulm

Einen starken Zuwachs der Einwohner erlebte Ulm mit dem Bau der Bundesfestung. Neben den Bauarbeitern, von denen nach der Fertigstellung der Wehranlagen nur ein Teil wieder weiter zogen, waren das hauptsächlich Angehörige des Militärs.
Niedere Dienstgrade kamen zwar in den Kasernen unter, für Offiziere und Unteroffiziere sollten die Räumlichkeiten aber schon angenehmer und repräsentativer sein. Die Zahl der dafür in Frage kommenden Häuser war allerdings begrenzt und nicht jeder konnte sich wie der Kommandeur des in Ulm beheimateten 1.württ.Ulanen-Regiments Nr.19, Ferdinand Graf v. Zeppelin, eine eigene Villa bauen lassen.


Mit dem Aufstieg zur großen Garnisons-Stadt wuchs die Anziehungskraft für die in wirtschaftliche Not geratene Landbevölkerung. Die hier stationierten Soldaten sorgten z.B. bei den Brauereien und Wirten, den Zundel- und Tabak-Herstellern, den Schneidern, Schuhmachern, Säckler und anderen Dienstleistern für eine stärkere Nachfrage die mehr Hilfspersonal erforderte, für die aber zunehmend die Arbeitskräfte fehlten. Nach der Fertigstellung der Bundesfestung waren die Bautätigkeiten des Militärs noch lange nicht abgeschlossen. Bauarbeiter wurden weiterhin u.a. für die Errichtung von Offizierskasinos, Unteroffiziers-Wohnhäuser, Lazaretts und weiteren Kasernen benötigt.
Auch der 1844 wieder aufgenommene Bau am Münster und dessen Instandhaltung bot Beschäftigung für fremde Arbeiter, denn Bauen war zu diesen Zeiten noch fast ausschließlich Handarbeit in tradierten Verfahren unter dem Einsatz vieler ungelernter Hilfskräfte.


Im Vergleich zu anderen württembergischen Städten setzte in Ulm eine Industrialisierung, die eine größere Zahl an Fabrikarbeiter beschäftigte, erst spät ein. Und obwohl die Probleme bei der Anwerbung von geeigneten Arbeitskräften bald zu einem bremsenden Faktor wurden, überließen die Unternehmer die Initiative, durch den Bau von Arbeiterwohnungen Beschäftigte an sich zu binden, anfangs dem Staat.


Die Eisenbahn und die Post hatten nämlich ebenso Probleme für ihre unteren Beamten und einfachen Bediensteten bezahlbare Wohnungen zu finden. Am neu entstandenen Eisenbahnknoten Ulm beschäftigte man viele von ausserhalb kommende Menschen in den Werkstätten, im Güterumschlag und im Fahrbetrieb. Auch bei der von Generalpostdirektor Heinrich von Stephan reformierten Post und in der 1887 gegründeten Ulmer Telefonanstalt waren zahlreiche Arbeiter und Beamte beschäftigt, die untergebracht werden mussten. Im Rahmen einer viel stärker als heute wahrgenommenen staatlichen Fürsorgepflicht sahen sich diese Verwaltungen verpflichtet, für angemessene Unterkünfte zu sorgen.


Schillerstraße 54

1867 kauft deshalb die kgl. württemb. Eisenbahnverwaltung den sog. Berblinger-Bau, eine drei Jahre zuvor privat errichtete Mietskaserne an der westlichen Karlstraße. Die Zustände dort sollen aber recht schlecht, die Nachfrage dennoch so groß gewesen sein, dass die Anlage bald erweitert und neue Wohnungen auf dem Bahngelände am Wall unterhalb des Kienlesbergs, beim Söflinger Bahnhof (In der Wanne) und im nördlichen Teil der Schillerstraße (Mörikestr.) gebaut werden mussten.
In der Schillerstraße 54 entstanden neben einer Reihe von Kanzleiräumen für die Verwaltung deshalb auch große Schlafräume für das Lokpersonal.


Die Eisenbahner überließen die Wohnungsfrage aber nicht nur ihrem Dienstherren, sie zeigten auch Eigeninitiative und gründeten einen "Bau- u. Sparverein des Verbands der Württ. Eisenbahn- u. Dampfschifffahrts-Bediensteten". Deren Obmannschaft Ulm errichtete kurz nach der Jahrhunderwende auf der Blauflesche zwischen Linden- und Hammerstraße eine eigene Wohnsiedlung. Weitere Eigenheime und Mietshäuser für Eisenbahner folgten später unter dem Namen "Landes-Baugenossenschaft württ. Verkehrsbeamter und Arbeiter" im Lehrertalweg und am Mähringer Weg.


1906 reicht die Königliche Generaldirektion der Posten und Telegrafen die ersten Baugesuche für das "Postdörfle" nördlich der Wörthstraße ein.


Der Anteil der durch Ulmer Unternehmer für ihre Beschäftigten errichteten Wohnungen war bis Ende des 19.Jh. dagegen noch überschaubar. Entsprechend den noch üblichen patriarchalischen Einstellungen der Gründer bot man vielmehr dem Personal, zu dem ein besonderes Vertrauensverhältnis bestand (Werkmeister, Prokuristen u.a.) oder das zusätzlich eine den Betrieb überwachende Aufgabe zugewiesen bekommen hat, eine Wohnung im eigenen Haus (z.B. →Ott) oder im Fabrikgebäude (z.B. Magirus) an. Vereinzelt wurden auch, wie im Fall der Weberei →Steiger & Deschler, schon fertige Gebäude auf dem freien Immobilienmarkt gekauft und an Werksangehörige vermietet.


Ungleich bedeutender beim Bau der ersten Arbeiterwohnungen ist die Rolle der Ulmer Stadtverwaltung. Schon die von der Eisenbahnverwaltung gekauften Mietshäuser in der Karlstraße, gingen auf eine Initiative der Stadt zurück. Besonders dem Leiter der Ulmer Polizei und späteren Oberbürgermeister Heinrich (von) Wagner war die Lösung des Wohnungsproblems für die in die Stadt drängende Landbevölkerung ein wichtiges Anliegen. Seine beispiellose Bodenpolitik (Erwerb des Rayongeländes, Einführung des Wiederkaufsrechts der Stadt usw.), der vorrangige Bau von Infrastruktureinrichtungen wie dem Schlachthof und dem Gaswerk, von Donaukraftwerken zur Stromerzeugung, der Straßenbahn usw. und die städtische Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus, die vom Gemeinderat mitgetragen wurde, fanden internationale Beachtung und Anerkennung.


Der gemeindliche Bau von Arbeitereigenheimen startete 1894 im Osten mit 16 Doppelwohnhäusern auf der Unteren Bleiche. Das Geviert zwischen der Brenzbahn und der Hutmanufaktur Mayser wurde bald um einen zweiten und dritten, östlich gelegenen Bauabschnitt erweitert (Blumen- und Gutenbergstraße, Mathilden- und Rußstr.)
Diese Häuser, die durch gesteuerte Bodenpreise und von der Stadt kontrollierte Sparkassen und Bausparvereine zu günstigsten Bedingungen an eine interessierte (und schon etwas besser gestelle) Arbeiterschaft verkauft werden sollten, wurden schnell zu einem Politikum. Besonders die Firmen Wieland und Eberhardt drängten auf eine bevorzugte Vergabe an ihre Mitarbeiter und erreichten sogar die Festschreibung, dass, wenn ein Mitarbeiter eines dieser Häuser erwarb, die Mietwohnungen im Obergeschoß ausschließlich mit Firmenangehörigen belegt werden dürfen. Sollte die Stadt dem nicht zustimmen drohten sie mit einer Produktionsverlagerung in einen anderen Ort, bevorzugt ins bayerische Neu-Ulm.


Die durch den Wegfall der Rayonbeschränkungen mögliche Erweiterung der Stadt nach Westen ins Blautal erlaubte nicht nur die An- und Umsiedelung von Betrieben in diesem Gebiet, sie ermöglichte auch neue Arbeiterwohnsiedlungen wie die 1903 begonnenen Kleinhäuser im Bereich "Beim Kessel", ein Quartier in der Nähe der Ziegelei am Unteren Kuhberg (Ziegelgasse, Starengasse, 1906/07) und nach der Eingemeindung Söflingens eine Reihe ländlich geprägter Doppelhäuser an der Ecke Waidstraße/Jörg-Syrlin-Str.


Mit den längerfristigen finanziellen Verpflichtungen, die die Arbeiter durch den Kauf der Häuser eingingen, war seitens der Stadtverwaltung die Erwartung verbunden, auf diese Weise "schädlichen sozialdemokratischen Umtrieben" das Wasser abgraben zu können. Ein schwäbischer Häuslesbesitzer hält sich halt eher von den Arbeiterparteien fern, so die in der Praxis tatsächlich bestätigte Meinung der Obrigkeit.


Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden auf diese Weise rund 450 städtische Wohnungen, z.B. auch die Reihensiedlung in der Söflinger Jörg-Syrlin-Straße 61-87. Sie wurden ergänzt durch große genossenschaftlich errichtete Wohnanlagen sowie einer Reihe privater Mietshäuser.



Literaturempfehlung

Eine umfangreiche Beschreibung des Arbeitersiedlungs- und Werkwohnungsbaus, der kommunalen Siedlungspolitik in den neu entstandenen Industriegebieten jenseits der mittelalterlichen Stadtgrenzen und eine Analyse des Arbeiter-Wohnalltags hat Jörg Haspel in seinem Band 22 der Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm,
"Ulmer Arbeiterwohnungen in der Industrialisierung"
vorgelegt.
(s. → Literaturliste Ulmer Wirtschaftsgeschichte)

Im Web

Der Verein Rhein-Neckar-Industriekultur hat die Geschichte der Arbeitersiedlungen im Rhein-Neckar Raum in mehreren Artikeln auf seiner →Webseite ausführlich beschrieben.

Quellen:
Jörg Haspel - Ulmer Arbeiterwohnungen in der Industrialisierung, Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, Bd. 22, Hg. Stadtarchiv Ulm, 1991
Stadtarchiv Ulm, Adressbuch 1812 - 1939

Kartenbasis: Stadtplan Ulm a.D. und Neu-Ulm, 1:15000, 1925

alle Fotos: © M.Pötzl, 2024

letzte Aktuallisierung Seite u. Links: Juni 2024