<<Ulms Industriegebiete

Die Entwicklung der Ulmer Industriegebiete

Die Weststadt
(ca. 1910 - 1980)


In der Weststadt ist der Wandel von einem einstigen gemischten Wohngebiet mit starker industrieller Prägung zu einem innenstadtnahen Quartier mit überwiegen wenig störenden Gewerbe am auffälligsten.

War die Blauniederung zwischen der bis 1905 selbstständigen Gemeinde Söflingen und den westlichen Wallanlagen der Bundesfestung bis weit in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts von Großbetrieben der Fahrzeug- und Elektrobranche dominiert, prägen seit Beginn des 21.Jahrhunderts neue Wohnviertel immer stärker das Bild dieses Stadtteils. Dennoch bleibt in einigen Bereichen die industrielle Vorgeschichte erkennbar.

Eines der ersten Industrieanlagen in der Weststadt war das Dampfkraftwerk an der Magirusstraße. Das heutige Heizkraftwerk der FUG markiert mit seinen Schloten und dem demnächst entstehenden Wärmespeicher schon von Weitem das Zentrum dieses Stadtteils. Dessen Gleisanschluß vom Söflinger Bahnhof war bis 2024 der letzte Rest einer großen Industriegleisanlage, die sich früher über das ganze Industriegebiet erstreckte.

Die Weststadt

Die Eingemeindung des einst zu einem katholischen Kloster gehörenden Dorfes Söflingen in die evangelische, ehemals freie Reichsstadt Ulm, die als Folge der Napoleonischen Kriege weite Teile ihres Territoriums verloren hatte, bot im Jahr 1905 die Gelegenheit einen neuen großen Stadtteil im Blautal einzurichten.


Die Flächen am Südhang des Eselsbergs und am Nordhang des Kuhberg waren bis dahin überwiegend landwirtschaftlich genutzt worden. Entlang der Blau hatten sich aber schon einzelne frühindustrielle Betriebe angesiedelt, die die Wasserkraft des Flusses für ihre Produktion nutzen. In der
→ Riedmühle
hatte die Reißwollefabrik von
→ Heinrich Glaeser
ihren Sitz, eine Öl- u. Tabakmühle unterhalb der Söflinger Weinberge, der ehem.
→ Drahtzug Bek
, wurde von der Weberei →Steiger & Deschler mit modernen Turbinen und einer Lokomobile ausgestattet und rund um die Mühlen vor den westlichen Stadttoren entwickelte sich ein neues
→ Industriegebiet Schillerstraße / Dichterviertel / Obere Bleiche.

Eine intensivere Besiedelung des Geländes war durch die Militärverwaltung jedoch noch verboten um der Bundesfestung ein freies Schußfeld zu sichern.
Erst nachdem es OB Heinrich von Wagner gelungen war, diese sog. Rayonbestimmungen vertraglich aufzuheben, große Teile des Festungsgeländes zu erwerben und für die Stadtentwicklung hinderliche Bauwerke abzureißen, konnte der schon länger gefasste Plan, die Stadt nach Westen auszuweiten, umgesetzt werden.
Das lag nun auch im Interesse des vormals arg bremsenden Militärs. Dort sollte nämlich auch eine neue Kaserne für die Ulanen, ein Reiter-Regiment, und ein großes Heeresdepot entstehen.


Die Eisenbahn hatte sich inzwischen zu einem Hauptverkehrsträger entwickelt und suchte einen neuen Standort für einen zukunftsfähigen Ulmer Rangier- und Güterbahnhof. Das Gelände dafür konnte nun entlang der Donautalbahn nordöstlich von Söflingen bereit gestellt werden. Der weitsichtige OB Wagner erkannte, dass sich mit den neuen Flächen im Blautal nicht nur der die weitere Entwicklung vieler Betriebe hemmende Grundstücksmagel in der Innenstadt beheben ließ sondern daß sich durch die nun kostengünstig zu realisierende Anbindung an den Güterbahnhof auch ein erheblicher Standortvorteil für die Unternehmen ergeben würde.


Das Westgleis wurde, wie von ihm beabsichtigt, zur Hauptschlagader des neuen Gewerbegebiets, hier schlug bis nach dem 2.Weltkrieg das industrielle Herz Ulms.



Die Weststadt wurde im 1.Quartal des 20. Jahrhunderts zum Standort vieler großer Betriebe aus der Fahrzeugindustrie wie z.B. dem Lkw-Hersteller →Magirus (mit eigenem Werksanschlußgleis) und dem Busbauer
→ Käßbohrer-SETRA
, der Zuliefer-Industrie wie z.B. der Gießerei →Th. Hopff und den Hüttenwerken
→ Nathan Strauss
, aber auch aus der Lebensmittelbranche wie z.B. der
→ Ulmer Brauerei Gesellschaft
(später Münster-Bier) oder der Oberschwäbischen Zentralmolkerei
→ Bilger
.

Aber nicht alle Fabriken, die nach 1905 in die Weststadt zogen, benötigten einen eigenen Bahnanschluß.
Für Großhändler und Hersteller bzw. Verarbeiter von Massengütern wie z.B. die Konsum-Genossenschaft, den großen Bauunternehmen wie die Firmen Kugler und Buchheim & Heister und den Ölhändlern, die sich am Stammgleis I und nach dem 1.Weltkrieg am Stanngleis V (Auf der Gölde) angesiedelt hatten und deren Güter schnell ganze Wagen, manchmal sogar ganze Züge füllte, lohnte sich die Investition in ein eigenes Gleis.

Anderen Unternehmer wie der Turmuhrenfabrik
→ Hörz
(seit 1905 in der Söflinger Str. 159, damals noch "Ausserhalb 379") oder der Eierteigwarenfabrik
→ Hugo Recknagel
(seit 1906 in der Söflinger Str. 140) genügte es, gelegtlich einzelne Wagenladungen über die Freiladegleise abwickeln zu können.

Nach Süden hin wird die Weststadt durch den Kuhberg begrenzt. Die Hanglage machte eine Ansiedlung von Industrie in diesem Bereich schwierig.
Oberhalb der Straße nach Ehingen, am unteren Galgenberg, gab es aber schon seit über 300 Jahren mehrere →Ziegeleien und damit erste frühindustrielle Strukturen.
Mit der sich weiter entwickelnden Weststadt wurde nun auch diese Gegend interessant für Unternehmer. Nach der Ausweisung der Römerstraße im Jahr 1904 dauerte es jedoch noch bis kurz vor den 1.Weltkrieg, bis sich hier die Wäschefabrik
→ Fuchs & Lang
, eine Zweigniederlassung der Stuttgarter Schirmfabrik Hugendubel und die feinmechanische Werkstatt von
→ Ernst Mästling
niederließen.

Auch wenn die Eisenbahn eine bedeutende Rolle in der Weststadt spielte, die arbeitende Bevölkerung selbst war bei weitem noch nicht so mobil wie es die Güter und die Fernreisenden durch den Schienenstrang geworden waren. Gewohnt wurde weiterhin in der Nähe des Arbeitsplatzes. In der Weststadt sollten deshalb ausserhalb der durch die Industriegleise erschlossenen Bereiche auch Arbeitersiedlungen und Mietwohnungen entstehen. Die Nordhänge des Kuhbergs und dessen Ausläufer zum Galgenberg waren wegen der Hanglage für die Betriebe wenig attraktiv, erlaubten aber den Bau von Siedlungshäusern mit den damals noch wichtigen landwirtschaftlichen Grundstücksanteilen zur Eigenversorgung.


Entgegen der Entwicklung in der Oststadt, wo die dort ansässigen Unternehmen in erheblichem Umfang Wohnungen für ihre Mitarbeiter errichteten, hielten sich die Fabrikanten der Weststadt bei diesem Engagement deutlich zurück. Die hier errichteten Siedlungen entstanden entweder auf städtische Initiative ("Beim Kessel"), aus behördlicher Fürsorge für ihre Beamten ("Postdörfle") oder durch öffentlich geförderte Genossenschaften und Wohnungsvereine (Eisenbahnersiedlung bei der Blauflesche, Galgenberg).
→ Wohnen in frühindustriellen Zeiten - Die ersten Arbeitersiedlungen in Ulm


Die Wege in die Stadt waren jedoch weit. Die zu der Zeit noch übliche Art die Strecken zu bewältigen war der Weg zu Fuß oder, wer es sich leisten konnte, das Fahrrad. Die Verpflichtung der Stadtgremien, das eingemeindete Söflingen schnell mit einer neuen Linie an das städtische Straßenbahnnetz anzuschließen, verkürzte dann auch den Bewohnern der Weststadt die Wege in die Innenstadt. Die Linie 1 vom Gemeindeplatz Söflingen durch die Söflinger und die Wagnerstraße zum Hauptbahnhof konnte schon 1907 in Betrieb genommen werden.


Ausführlicher über die Geschichte der Ulmer Straßenbahn kann man sich auf den Webseiten der Ulmer/Neu-Ulmer Nahverkehrsfreunde UNF informieren.
Neben dem Berieb historischer Fahrzeuge widmen sie sich auch der Erforschung und Dokumentation des städtischen Nahverkehrs.


letzte Aktuallisierung Seite u. Links: Feb. 2025